Sonntag, 11. Januar 2015

So damn frosty

Langsam wird es doch relativ ungemütlich. Während es in der Weihnachtszeit keinen Schnee gab (und da wäre welcher schön gewesen), ist die Stadt momentan eine einzige Eisbahn.

Am 5. Januar mussten Tommy und ich wieder zur Arbeit. Doch am Wochenende davor gab es einen Eisregen, der Abends für eine Stunde den Strom in unserer Straße ausgeknipst hat. Die Stromleitung war laut unserem Vermieter, Francis, durch das ganze Eis zu schwer geworden - am Kabel und an den Zweigen der Bäume hingen nämlich noch etwa 2cm Eis herunter, was übrigens trotz des Ärgernisses ziemlich schön anzusehen war.
Mir ist auch aufgefallen, wie aufgeschmissen wir ohne Strom eigentlich sind. Die meisten meiner Unterhaltungsgeräte, so will ich sie mal nennen, waren nicht voll aufgeladen, sodass ich sie nicht lange benutzen konnte. Zu Essen konnte ich mir auch nichts vernünftiges machen, weil Herd, Mikrowelle und Toaster Strom brauchen. Und selbst, wenn ich ein Buch hätte, hätte ich es nicht lesen können, weil es zu dunkel war. Außerdem hatte ich die Befürchtung, am nächsten Morgen zu verschlafen, weil mein Handy - was seit Kanada für mich übrigens zu einem sehr wichtigen Universalwerkzeug geworden ist - eben fast leer war und der Wecker dann nicht funktioniert hätte. Wir hatten in dem Moment alle auch nicht so wirklich Lust, etwas zusammen zu machen.


In der Nacht erreichten die Temperaturen -15°C. Das ganze Wasser, was sich vorher auf den Bürgersteigen und den Straßen gesammelt hatte, war nun zu einer dicken Eisschicht gefroren und ich habe nach dem ersten Arbeitstag mit dem Gedanken gespielt, mir entweder Schuhe mit Spikes oder Schlittschuhe zu kaufen, um damit zur Arbeit zu fahren. Auf etwa 1,5km meines Weges wurde überhaupt nicht gestreut und das bisschen Salz auf dem Rest der Strecke hat, abgesehen von ein paar winzigen Kerben im Eis, überhaupt nichts bewirkt. Dementsprechend wenig Leute hat man auch auf den Straßen gesehen. Immerhin musste mein Gesicht nur zwei mal Bekanntschaft mit dem Boden machen, was eine relativ gute Bilanz ist bei einer 2,5-Kilometer-Strecke aus purem Eis. Und: Ich war mit 5 Minuten Verspätung noch mit einer der Pünktlichsten am Arbeitsplatz.
Am Dienstag wurde es noch mal etwas Schlimmer, wobei ich diesmal etwas früher losgegangen bin und mehr Zeit hatte, mich aufs Nicht-Ausrutschen zu konzentrieren. Selbst auf dem Schnee konnte man nicht mehr laufen, weil der hartgefroren und extrem rutschig war. Immerhin wurde auf den ungestreuten Strecken das Eis etwas zerbrochen, sodass man sich auf den Splittern halbwegs fortbewegen konnte. Ich glaube auch nicht, dass man hier jemanden anzeigen kann, wenn man vor Jemandes Haustür ausrutscht. Wenn man sich was bricht, hat man wohl einfach Pech.


Am nächsten Morgen gab es dann ein Temperaturentief von erstmals -27°C. Am vorigen Abend wollten Gothi und ich mal rausschauen und uns selbst ein Bild von der Kälte machen, allerdings haben wir die Tür zunächst nicht aufgekriegt, weil sie ein wenig festgefroren war. Erst durch genug Wut hat sie dann nachgegeben. Mein Fenster krieg ich übrigens seitdem auch nicht mehr auf, um zu lüften, aber vielleicht ist das auch gut so.

So schlimm fand ich die -27°C dabei aber eigentlich nicht. Mit Mütze, Handschuhen, Shirt, Pullover und Jacke darüber, zwei Paar Socken, Thermounterwäsche und einem Schal als Mundschutz ist es sogar relativ warm. Meistens schwitz ich sogar ganz schön, wenn ich dann endlich das Bürogebäude erreiche. Übel wird es nur, wenn es einem ins Gesicht schneit und der Schnee dort taut oder einem der frostige Wind ins Gesicht beißt.

Bei der Arbeit ist es nicht so spannend. In dieser Woche haben wir nur "Audio Validation" gemacht. So haben wir in der Woche zum Beispiel etwa 6600 einzelne Audio-Dateien mit einer Gesamtlänge von etwa 4,5 Stunden bekommen. Also setzt man sich Kopfhörer auf und hört sich alle durchweg an. Manche dann zwei- oder dreimal, um sicherzugehen, dass auch alles richtig ist, denn der Aufwand und die Kosten, etwas noch mal aufzunehmen, weil wir geschlampt haben, sind nachvollziehbar groß. Danach überprüft nämlich niemand, ob unsere Änderungen richtig sind, beziehungsweise verstehen die, die das tun, sowieso nicht alle Sprachen. Wenn wir an diesem Punkt Fehler machen (also unachtsam sind), landen die genauso im Spiel.

Ansonsten passiert hier nicht viel Erwähnenswertes. Nach der Arbeit ist der Tag überraschend schnell vorbei und am Wochenende sind wir immer ganz froh, wenn wir mal nicht aus dem Haus müssen. Dass wir nicht wirklich Sightseeing betreiben, liegt auch größtenteils am Wetter. Zeitweise und solange man in Bewegung bleibt, kann man sich draußen halbwegs aufhalten, aber für gemütliches Schlendern ist es einfach zu kalt und zu rutschig.

Deshalb werde ich dann erst wieder schreiben, wenn wir halbwegs aufgetaut sind, oder vielleicht nächste Woche.

Freitag, 2. Januar 2015

Nur Wahnsinniche in Montréal

Moin, moin!
Man, war das wieder abgefahren. Gestern haben wir zu 13 Uhr einen 'Rideshare', eine Mitfahrgelegenheit organisiert, für 15$ jeweils, also eine einzelne Fahrt nach Ottawa. Natürlich bei unseren ehemaligen Hosts von vor ein paar Wochen. "Zee Germans are back!", wurden wir herzlich begrüßt. Gothi diesmal am Start und Lara war traditionsgemäß auch wieder dabei. Außerdem hatten sie noch zwei neue Couchsurfer, eine Französin und eine Belgierin (also zwei Französinnen), von denen wir aber irgendwie gar nicht so viel mitbekommen haben, obwohl die die ganze Zeit bei uns waren.


Als wir nach unserer Ankunft bei den Jungs im nahegelegenen 'Loblaws' unsere üblichen Besorgungen gemacht haben, haben wir uns "schon fast wie zu Hause gefühlt", "als wäre man von Kanada wieder nach Deutschland geflogen", wie Tommy treffenderweise sagte.
Jedenfalls haben wir um 16 Uhr so allmählich angefangen und uns nebenbei das Eishockeyspiel 'Kanada gegen USA' auf dem Fernseher angeschaut, was 5:3 ausgegangen ist, wenn ich mich nicht irre. Übrigens fand neulich ein Spiel 'Deutschland gegen Kanada' statt. Das haben wir wohl 0:4 verloren, was uns Jeff natürlich sofort unter die Nase gerieben hat. Zum Glück hatte Tommy sein Fußballtrikot an, auf dem die vier Weltmeister-Sterne zu sehen sind. Ha.
Zwischendurch, gegen 18 Uhr unserer Zeit, haben wir Deutschen natürlich gedanklich auch ein kleines "Prost" nach Deutschland geschickt.

Nach 9 Uhr ging es dann in den "Legion-Pub". Dort haben die "Camerons" (das Infanterie-Regiment, dem unsere Freunde angehören) wie immer kostenlos ein Stockwerk mit Bar, Sitzecken und Tanzflächen bekommen. Eigentlich war aber gar nicht so viel los, was eventuell daran liegt, dass im Stockwerk über uns irgendwelche "Techno-Raver" eine Party gefeiert haben. Fragt nicht.
Übrigens haben wir uns beim Einkaufen gewundert, warum nirgendwo Raketen o.Ä. verkauft werden. Anscheinend gilt der private Gebrauch von Feuerwerkskörpern, zumindest in der Provinz Ontario, als illegal. Daraufhin haben wir Jeff gefragt, was denn nun um Mitternacht passieren wird und er meinte: "I don't know. We will probably just keep drinking." Er hatte recht. Tatsächlich haben wir runtergezählt, Punkt zwölf haben dann alle kurz laut gegröhlt und angestoßen und das war's. Zehn Minuten später sind wir noch rausgegangen, in der Hoffnung, doch noch ein kleines Feuerwerk zu sehen - immerhin ist es die Hauptstadt Kanadas - aber anscheinend waren wir zu weit vom Stadtkern entfernt, um etwas zu sehen, was vom Legion Pub aus auch nicht mehr als ein oder zwei Kilometer gewesen sein können.
Natürlich haben wir den Kanadiern erzählt, wie das in Deutschland abläuft - und dabei kann man natürlich nicht abstreiten, dass in Deutschland gelegentlich der ein oder andere Briefkasten mit polnischen Böllern zerlegt wird, oder eine von Hand gestartete Rakete willkürlich andere Personen belagert - aber da meinten die, dass sie damit wohl auch nur Unsinn anstellen würden. Na schön. Aber irgendwie wäre es doch schon langweilig, wenn es daheim komplett fehlen würde, oder?
Da um zwei wie üblich alle Pubs dicht machen, sind wir dann wieder zurück ins Haus der Jungs gegangen und haben dort den Rest des "Abends" verbracht, also bis etwa 5:30 Uhr.


Aufgefwacht sind wir dann alle so gegen 11 durch den Geruch von Phil's frisch gebratenem Bacon. Danach haben wir den Film "2012" geschaut und wir hatten viel zu lachen, weil uns aufgefallen ist, wie unrealistisch und übertrieben der Film einfach durchgehend war. Und dabei ist er nicht mal von Michael Bay. Später haben wir "The IT Crowd" geschaut, was im Englischen übrigens viel witziger ist, als im Deutschen, weil dort vermutlich die ganzen Witze viel mehr Sinn ergeben.

Für den Rückweg heute von "Oddawa" nach "Monréal" war dann auch wieder ein Rideshare geplant. Diesmal um 17:30 Uhr, was sich für uns als die ideale Zeit zum Abhauen herausgestellt hat. Nur mussten wir diesmal getrennt Reisen, weil bei Niemandem genug Platz für drei war, also bin ich schließlich mit drei Anderen mitgefahren. Das Dumme daran war, dass die Google-Maps-App auf meinem Handy zunächst angezeigt hat, dass es 4 Kilometer bis zum Treffpunkt sind. Dabei hatte ich den Routenplaner nicht aktiviert und mir nur die Strecke anzeigen lassen. Also hatte ich mir gedacht: "Joa, wenn ich eine Stunde vorher losgehe, passt das". Als ich dann doch erst 50 Minuten vor Abfahrt langsam meine Sachen gepackt und den Routenplaner aktiviert habe, habe ich bemerkt, dass es tatsächlich mehr als 6 Kilometer sind, weil beispielsweise auf der Strecke ein Highway lag, über den mich Google Maps sonst gejagt hätte, ich diesen aber natürlich umgehen musste.
Im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass ich ne ganze Weile joggen musste, um wieder etwas an Zeit zu gewinnen. Was blöd war, weil ich mir zwei Tage vor Silvester schon wieder eine üble Erkältung einfangen musste (besonders ärgerlich wegen der Neujahrsfeier). Außerdem hab ich meinen Routenplaner teilweise ignoriert und irgendwelche unheimlichen Abkürzungen genommen. Erst ging es durch irgendwelche riesigen Geschäfts- und Wohnviertel und vorbei an einer großen Busstation, die zwar alle irgendwie beleuchtet waren und nicht so aussahen, als würde man sie nicht regelmäßig pflegen und benutzen, aber ich habe einfach nicht eine Menschenseele gesehen, abgesehen von denen in den Autos auf dem - wie alles in Kanada - überdimensional angelegten Highway, der einen halben Kilometer parallel zu meiner Strecke verlief.
Dann bin ich um irgendein Stadion herumgelaufen - auch wieder riesig angelegt, aber einfach komplett tot. Lichter waren nirgendwo an und Menschen hab ich erst recht keine gesehen. Dann ging es über eine schmale, ca. 100m lange Fußgängerbrücke über einen Fluss, natürlich komplett unbeleuchtet, in einen kleinen Waldpfad, der komplett vereist war und sich an irgendwelchen abgesperrten Flächen vorbeigeschlängelt hat. Als ich dann wieder halbwegs Zivilisation erreicht habe, kam ich an einigen großen Bau- und Supermärkten vorbei. Auch hier hab ich nur vielleicht alle fünf Minuten mal ein Auto gesehen. Wenn ich nicht wüsste, dass es Kanada ist, fände ich das schon ziemlich gruselig.
Schließlich hab ich dann pünktlich eine Minute vorher den Treffpunkt erreicht.

Das nächste Ärgernis war dann, dass der Fahrer und die beiden Mitfahrer französisch konnten und dementsprechend die ganze Zeit französisch im Auto geredet haben - und ich will nur noch mal klarstellen: Das europäische Französisch kann ich ja noch halbwegs verstehen, aber mit dem Quebecer Akzent haben selbst echte Franzosen Probleme. Da ich nichts verstanden hab und die nur sehr wenig Englisch gesprochen haben, konnte ich so immerhin ein wenig schlafen, was nach der langen Nacht auch ganz gut war.
Auf dem Weg nach Hause sind wir dann in einen Stau geraten. Nicht wegen einem Unfall, nein. Vor uns fuhren zwei Schneepflüge. Auf beiden Spuren. Nebeneinander. Good job.

Am Ende wurde ich an der riesigen Zentralstation "Longueuil", die - wer hätt's gedacht - abgesehen von ein paar Beamten Menschenleer war. Nach ein paar Minuten laufen habe ich dann meine Metro-Linie gefunden. Doch vorher ist irgendein Mann mit Rasta-Locken auf mich zugegangen, hat mich umarmt und mir ein 'Happy New Year' gewünscht und bevor ich begreifen konnte, was eigentlich gerade passiert ist, war er auch schon wieder weg. Danach hab ich reflexartig meine Taschen überprüft, doch alles war noch da. Anscheinend wollte der Kerl wirklich nur fremden Menschen ein 'frohes Neues' wünschen.
Nun gut, danach hab ich mir bei der Frau am Ticket-Schalter ein Metro-Ticket gekauft, was diesmal statt den üblichen 3$ ausgerechnet 3,25$ gekostet hat, warum auch immer. Dann stand ich allein am Gleis der vielleicht 500m breiten Station, als plötzlich neben mir ein schwarzer Mann auftauchte und französisch auf mich einredete. Als ich ihn dann nach rund 30 Sekunden unterbrechen konnte, um ihm mitzuteilen, dass ich keine Ahnung hab, was er mir da sagt, hat er mir dann auf Englisch erzählt, dass die Frau am Ticket-Schalter eine sehr nette Frau ist. Kurz danach war er dann weg. Was zum...?

Die Fahrt mit der Bahn verlief zum Glück relativ ruhig. Auf dem Weg nach Hause dann, nach der letzten Station, war auf einem frisch zugeschneiten Fußgängerweg genau eine Fußspur, die zufällig in kleinen "Achten" verlaufen ist, als wäre Derjenige dort entlanggetanzt. Diese Stadt macht mich fertig. Nicht, dass die Leute nicht alle extrem nett wären, aber irre sind hier manche schon irgendwie ein bisschen.

Gothi und Tommy sind schon ein paar Minuten vor mir zu Hause eingetroffen. Danach haben wir im Prinzip nur noch Pizza bestellt. Ich hab eine Philly-Cheesesteak-Pizza gewählt; Dort ist natürlich unter Anderem Philly, Cheese und Steak drauf.
Fotos musste ich diesmal leider einschränken - der Privatsphäre wegen. Außerdem ist mein Handy-Akku relativ früh alle geworden, weil ich im Auto zu viel Tetris gespielt hab ¯\_(ツ)_/¯
Dafür gibt es zum Abschluss im Gegenzug das "Most Canadian picture ever":


Nach mittlerweile fast vier Monaten Leben in Kanada würde ich behaupten: Stimmt so.
Ich sollte jetzt auch erstmal mein Hirn abschalten und ihm etwas Erholung von den letzten zwei Tagen gönnen.

Also dann, auf ein frohes Neues!